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Bd. 15, Nr. 26 (2016): (Inter-)Kulturalität neu denken!

„(Inter-)Kulturalität neu denken!“: der Titel dieser Ausgabe und dazu noch die Tatsache, dass es sich um ein Sonderheft handelt, zeugen davon, dass der interkulturelle Diskurs in Bewegung geraten ist. Beides führt vor Augen, dass es heute darum gehen muss, die im vergangenen Jahrzehnt allgegenwärtigen Thematisierungen von – zunächst: Paradigmenverschiebungen, dann Paradigmenwechseln - konstruktiv in theoretisch fundierte, interdisziplinär anschlussfähige und gleichzeitig praxis-taugliche Konzeptionen zu übertragen. Hierfür möchte das vorliegende Heft Impulse geben, wobei der vielzitierte Satz vom Weg, der das Ziel ist, in diesem Zusammenhang in besonders ausgeprägter Form zutrifft. 

Gemeinsam ist allen Beiträgen die Überzeugung, dass die bloße Kritik an interkulturellen Denkmodellen der 60er bis 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts heute nicht mehr weiterführt. Die – aus heutiger Perspektive – offenkundigen Schwächen der „alten“ Theorien und darauf aufbauender Trainings sind inzwischen hinreichend dokumentiert. Es geht jetzt darum, konstruktiv und kreativ die Herausforderungen eines „sustainable glocal relationship building“ aufzugreifen und entsprechende „neue“ Wege potenziell entgrenzter, faktisch zugleich aber immer auch abgrenzungsbereiter Interaktion zu gestalten, umzusetzen, auszuprobieren.

Einen erkenntnistheoretisch weitgreifenden Ansatz (Inter-)Kulturalität neu zu denken unternimmt Sabine Aydt in ihrem Beitrag It’s culture, stupid! Erklären, Scheitern und Weiterdenken. Vor dem Hintergrund unzähliger gescheiterter Versuche der Erklärung dessen, was „Kultur“ ist, wählt sie das Denken von Kultur und die Reflexion eigener Denkmöglichkeiten als Bezugspunkt kulturwissenschaftlichen Fragens. Sie plädiert für ein „bewegliches“ Denken in Modellen sowie dafür, in interkulturalitätsspezifischen Situationen des nicht-Erklären-Könnens und der Unsicherheitserfahrung Unfertigkeit einzugestehen und „Weiterdenken“ als Handlungsmaxime aufzufassen.

Kirsten Nazarkiewicz spricht sich ebenfalls für eine stärkere Perspektivenreflexion aus – und dies vor allem in Hinblick auf Forschungsarbeiten, die sich mit Interkulturalität befassen. Die im Titel formulierte Frage Kulturreflexivität statt Interkulturalität? beantwortet sie unter Einbeziehung von Ansätzen des transformativen Lernens Erwachsener und vor dem Hintergrund wissenssoziologischer Überlegungen positiv.

Katharina von Helmolt hingegen hält eine Verwendung des Begriffs „Interkulturalität“ zumindest dann für sinnvoll, wenn er auf die Ebene interpersonaler Interaktion bezogen wird, erachtet aber kulturreflexives Handeln ebenfalls für einen wesentlichen Kern des „Neu Denkens“. Im Vordergrund steht für sie hierbei ein perspektivenreflektierender Sprachgebrauch, der dem Konstruktcharakter und der Flexibilität unserer Konstruktionen beim Sprechen von „Kultur“ gerecht wird.

Eine Spezifizierung kulturreflexiven Denkens im Sinne einer auch wertbezogenen Selbstpositionierung interkultureller Forschung steht im Mittelpunkt der Überlegungen von Dominic Busch und Jana Möller-Kiero: Rethinking Interculturality Will Require Moral Confessions: Analysing the Debate Among Convivialists, Interculturalists, Cosmopolitanists and Intercultural Communication Scholars. Als Quintessenz ihrer Ausführungen knüpfen die beiden Autoren ein „Neu Denken“ von Interkulturalität an die Notwendigkeit der Formulierung ‚moralischer Bekenntnisse‘.

Jürgen Henzes Beitrag Vom Verschwinden des (Inter)Kulturellen und Überleben der (Inter)Kulturalität geht von der Beobachtung eines Auseinanderklaffens interkultureller Forschung in einseitig positivistische und einseitig konstruktivistische Ansätze aus. Ein wesentliches Ziel seines Beitrags besteht darin, die Begrenztheit des entgrenzten konstruktivistischen Denkens zu hinterfragen, um zu einer „versöhnenden Position“ insbesondere auch in Hinblick auf die interkulturelle Trainingspraxis zu gelangen.

Jürgen Bolten spricht sich in seinem Plädoyer Interkulturelle Trainings neu denken mit vergleichbarer Intention für strukturprozessuale und perspektivenreflexive Ansätze einer interkulturellen Trainingsforschung aus, die in der Lage ist, kontext- und situationsangemessene Instrumente zur Konzeption interkultureller Trainings zu entwickeln. Wie dies in Hinblick auf das Wechselverhältnis von Trainingsziel, Übungstyp und konkreter Übung in interkulturellen Trainings umgesetzt werden kann, veranschaulicht der Beitrag am Beispiel der „Methodenlandkarte“. 

Ein im Kontext des „Neu Denkens“ interkultureller Trainings entwickelter Übungstyp wird als „Zooming“ bezeichnet: Je stärker man an ein Akteursfeld heranzoomt, desto differenzierter nimmt man es wahr – zoomt man weg, wird es in seinen Makrostrukturen erfassbar. Ulrich Zeutschel verwendet in diesem Sinne „Zoomen“ zum Entdecken interkultureller Verständigungspotenziale und -ressourcen. Im Rückgriff auf Tuckman’s Phasenmodell der Gruppenentwicklung (forming – storming – norming – performing - ending) beschreibt er, wie das Zooming Teambuildingprozessen mit heterogen zusammengesetzten Gruppen eingesetzt werden kann.

Einem anderen Übungstyp interkultureller Trainings, nämlich der Fallstudie, sind Christoph Barmeyers und Eric Davoines Überlegungen Konstruktives interkulturelles Management gewidmet. Sie weisen anhand von Inhaltsanalysen nach, dass in Arbeiten zum interkulturellen Management bislang kaum positive Effekte kultureller Aspekte thematisiert werden. Dass sich gerade Fallstudien in bester Weise dazu eignen, jenseits von krisenbesetzen Interaktionssituationen auch zu konstruktivem und synergieorientiertem Denken anzuregen, wird am Beispiel der Fallstudie „Alleo“ dokumentiert.

Auch Valerie Gruber und Eberhard Rothfuß bemerken kritisch, dass die Arbeit mit „Critical Incidents“ und „Culture Assimilator“-Übungen zur Festschreibung eines Images von interkulturellem Handeln als grundsätzlich problembeladenem Handeln beitragen und Stereotypenbildungen fördern kann. In ihrem Artikel Interkulturelle Managementforschung – Reflexive Gedanken über eine unreflektierte Denkschule nehmen sie dies zum Anlass einer grundlegenden Hinterfragung der theoretischen Prämissen, mit denen interkulturelles Management und Interkulturelle Psychologie bislang überwiegend arbeiten. Unter Bezugnahme auf Bourdieus reflexive Anthropologie sprechen sie sich für eine Stärkung kritischer Reflexivität als Methode der interkulturellen Managementforschung aus. 

Jürgen Bolten (Jena) im August 2016


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Inhaltsverzeichnis

Editorial

Vorwort des Herausgebers
Jürgen Bolten
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7-8

Artikel

Sabine Aydt
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9-22
Kirsten Nazarkiewicz
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23-32
Katharina von Helmolt
PDF
33-42
Dominic Busch, Jana Möller-Kiero
43-58
Jürgen Henze
PDF
59-74
Jürgen Bolten
PDF
75-92
Ulrich Zeutschel
PDF
93-96
Christoph Barmeyer, Eric Davoine
PDF
97-116
Valerie Gruber, Eberhard Rothfuß
PDF
117-137